Leonardo Boff in der Schweiz
Der Brasilianer Befreiungstheologe Leonardo Boff sprach im Romero-Haus Luzern
"In einer neuen Phase der Menschheit befreit handeln"
Von Veronika Kreyca / Kipa
(Kipa) Warum es die Befreiungstheologie noch immer braucht, war am Mittwoch, 4. November, das Vortragsthema des würdigen Herrn mit den verschmitzten Augen, Leonardo Boff (71). Und nicht nur durch seine gewinnende Art, mit handfesten Argumenten überzeugt er: In einer neuen Phase der Menschheit brauche es eine umfassende, integrale Theologie, die nicht nur die Menschen von Armut, sondern die gesamte Schöpfung befreit.
Boff nennt sie die "Planetarische Phase", das neue Zeitalter, in das die Menschheit im 21. Jahrhundert eintritt. War das vergangene das Jahrhundert der Menschenrechte, werde das gegenwärtige das der Natur- und Tierrechte sein, sagt der Theologe. Seine Vision: eine "kosmische Demokratie aller Lebewesen", in der Menschen aus ihrer besonderen Stellung heraus Verantwortung übernehmen, befreit handeln – und "eine befreiende Theologie, die sich verantwortlich macht für alles".
"Eine einzige grosse Nation", könne die Welt werden, "mit einer zentralen Organisation für die Grundbedürfnisse von Menschen und allen Lebewesen". Boff sucht nach Wegen in einer Situation, in der nicht nur der Schrei armer Menschen, sondern der gesamten ausgebeuteten Erde zu einer Entscheidung drängt. "Wir können die Klimaerwärmung nicht mehr aufhalten, aber wir müssen handeln, um die perversen Konsequenzen zu verhindern", mahnt der Befreiungstheologe.
Glaube darf nicht Trost sein
Handeln, und das ausgehend von der Wirklichkeit, war von Anfang an die Methode des Theologen, der als einer der Hauptvertreter der Theologie der Befreiung gilt. "Wir standen vor den Armen und haben den gekreuzigten Herrn in ihnen getroffen", erinnert sich Leonardo Boff an den Gründungsmoment der Bewegung. Der Moment mündete in eine theologische Frage: Wie kann der gute Vater in einer so miserablen, ungerechten Welt verkündet werden? "Nur wenn wir die Wirklichkeit verändern können!", war die Antwort, die für Boff bis heute gültig ist.
Dann waren es die Armen selbst, die sich Ende der 1960er Jahre zu organisieren begannen. In den sogenannten Basisgemeinden, von denen es heute nach Angaben von Boff allein in Brasilien 100.000 gibt. Viele der Armen seien auch gegenwärtig noch Christen, Katholiken. "Ihr Glaube darf ihnen nicht zum Trost werden, als wäre die Armut gottgegeben", ist Boff überzeugt, "er ist vielmehr Anlass zum Protest und zur Veränderung – damit sind die Armen ihre eigene Befreiung."
Der Politik eine Richtung geben
Verändert hat sich tatsächlich vieles. So sei es dem derzeitigen brasilianischen Präsident Luis Inacio "Lula" da Silva in seiner achtjährigen Regierungszeit gelungen, durch Sozialprogramme 50 Millionen Arme in die Gesellschaft zu integrieren. "Er kommt aus der Befreiungstheologie", sagt Boff nicht ohne sichtliche Genugtuung, "viele Politiker, auch in Bolivien und Paraguay, haben unsere Grundanliegen übernommen und ihrer Politik eine Richtung gegeben."
Überhaupt sei die Befreiungstheologie in Lateinamerika selbstverständlich und ungefragt die adäquate Theologie für die Umstände. "Nur in Europa muss ich sie immer verteidigen", lacht er, der für seine Verdienste bereits mit dem "Alternativen Nobelpreis" ausgezeichnet wurde. Während des gegenwärtigen Schweizaufenthalts wird er ein Ehrendoktorat der Theologischen Fakultät der Universität Neuenburg erhalten.
Ein trojanisches Pferd
"Heutzutage haben wir kein Problem mit Rom", antwortet der mittlerweile aus dem Priesteramt und dem Franziskanerorden ausgeschiedene Brasilianer. Die Frage musste ja auch gestellt werden. Als ehemaliger Günstling Professor Joseph Ratzingers – der heutige Papst war nicht nur Doktorvater Boffs, sondern hatte seinen Schüler mit damals 14.000 D-Mark bei der Veröffentlichung seiner Dissertation unterstützt – wurde Boff immerhin vom späteren Präfekten der Glaubens-kongregation Joseph Ratzinger mit einem Rede- und Lehrverbot belegt.
"Die Befreiungstheologie war für Rom wie ein trojanisches Pferd", vergleicht Leonardo Boff. "Man fürchtete, sie würde den Marxismus und Kommunismus nach Lateinamerika einschleppen." Alles wurde anders mit der Wende von 1989. "Mit dem Fall der Mauer hat Johannes Paul II. erkannt, dass die Befreiungstheologie notwendig ist in Ländern mit starker Ungleichheit." Damit habe er das Grundanliegen "fast offiziell anerkannt" und auch Papst Benedikt XVI. hätte bei seinem Brasilienbesuch angesichts der vielen Armen gesagt: "Jetzt verstehe ich die Befreiungstheologie."
Synthese zwischen Kulturen und Christentum
Boff wirkt versöhnt, wenngleich er es sich nicht nehmen lässt, Kritik am Vatikan einfliessen zu lassen. "Die Texte aus Rom zum Beispiel sind so theoretisch. Man liest sie und sie stellen sich einem vor die Nase, sie verdecken die Wirklichkeit", sagt Boff wörtlich und mit einem Augenzwinkern. Sein Anliegen im Hintergrund ist ein dringliches: "Die Leute spüren die Dramatik der angesprochenen Themen nicht. Der Vatikan verpasst so eine Möglichkeit, ein Wort des Protestes und der Prophetie zu sprechen."
Für die Kirche in Europa jedenfalls sieht der Theologe Handlungsbedarf. Die Krise der Werte und Lebenskonzepte des Westens, wie Boff sagt, müsse als Läuterungsmöglichkeit genützt werden. Oder das europäische Christentum gehe zu Grunde. Jenes Christentum, das "uns die Grammatik Christi überliefert" habe und das, dem europäischen Geist entsprechend, um den Willen zur Macht gebaut ist. "Ein globalisierbares Christentum wird sich in verschiedene Kulturen inkarnieren dürfen und wird im Dialog mit den Traditionen unterschiedliche Gesichter haben", sagt er.
"Jedes Volk soll das Recht haben, wie die Europäer eine Synthese zwischen der eigenen Tradition und dem Christentum herzustellen", fordert Boff und verweist auf die Geschichte der Theologen und Philosophen, die dem Christentum von Europa aus Form gegeben haben. So reich sei die christliche Religion, dass keine konkrete Form den Reichtum ausschöpfen könne. "Der Referenzpunkt für alle ist Christus und seine Auferstehung." Und dieser Christus habe niemand anderen als den Armen den Vorrang gegeben – ein Skandal, damals wie heute, lächelt der Befreiungstheologe.






